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Meine Welt ist die Musik

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Christian Bruhn ist einer der erfolgreichsten Komponisten und ...
 
... Produzenten der Nachkriegszeit. Ein ausführliches Portrait dieses großen Künstlers war längst überfällig. Der Film von Regisseurin Marie Reich ist leider nicht dieses Portrait.
 
Marble Breaks And Iron Bends
 
„Zwei kleine Italiener“, „Marmor Stein und Eisen bricht“, „Liebeskummer lohnt sich nicht“, „Wunder gibt es immer wieder“, „Ein bisschen Spaß muss sein“ … hätte Christian Bruhn bloß diese fünf Lieder geschrieben, wäre er schon ein bedeutender Komponist gewesen. Aber das sind bloß fünf von ungefähr 2500 Musikstücken, die Christian Bruhn in seinem langen Leben komponiert und produziert hat.
 
Und Bruhn hat auch die Musik zu Serien wie „Wickie“, „Heidi“, „Timm Thaler“ und Captain Future“ geschrieben und produziert. Und als ob das noch nicht gereicht hätte, hat er noch „Milka, die zarteste Versuchung seit es Schokolade gibt“, „Wir geben ihrer Zukunft ein Zuhause“ und unzählige weitere Werbejingles geschrieben und produziert.
 
Anders als mancher, der im Privatfernsehen in der Jury einer Casting-Show herumsitzt, hat dieser Mann über Jahrzehnte hinweg tatsächlich die populäre Musik der Bundesrepublik und des gesamten deutschen Sprachraums geprägt. Und zwischendurch hat er noch Lyrik vertont, wie etwa 1975 einen Gedichtzyklus von Heinrich Heine, interpretiert von seiner damaligen Ehefrau Katja Ebstein. Bruhn blickt also auf eine lange, abwechslungsreiche Karriere zurück. Es liegt daher wohl kaum am Objekt der Dokumentation, wenn Marie Reichs Film „Meine Welt ist die Musik“ leider misslungen ist.
 
Ein kleines Lied
 
„Ein kleines Lied! Wie geht's nur an, Dass man so lieb es haben kann, Was liegt darin? erzähle! Es liegt darin ein wenig Klang, Ein wenig Wohllaut und Gesang Und eine ganze Seele.“
 
Diese Zeilen von Marie von Ebner-Eschenbach stellt Regisseurin Marie Reich ihrem Film voran. Und dokumentiert damit das Scheitern ihrer Dokumentation. Denn gleich die Frage, „wie es nur angehe“, dass man diese kleinen von Bruhn geschriebenen Lieder „so liebhaben kann“, ist nur eine von vielen Fragen, die Reichs Film nicht beantwortet. Wir erfahren nichts darüber wie die Lieder zu ihrer Wirkung gekommen sind. Es wird kaum erwähnt, wie genial „Zwei kleine Italiener“ das Fernweh der Deutschen während des Wiederaufbaus nach dem zweiten Weltkrieg mit dem Heimweh der Gastarbeiter parallel montiert hat, um auf die Art das Unterbewusstsein gleich zweier Völker anzusprechen. Kein Wort wird darüber verloren, wie „Marmor, Stein und Eisen bricht“ musikalisch in der gleichen Liga spielt wie die Hits die Mitte der sechziger Jahre auf der anderen Seite des Ärmelkanals produziert wurden.
 
 
Und auch wenn Reich in ihrem Film einige Interviewpartner „erzählen“ lässt, so erfahren wir doch kaum jemals, „was darin liegt“. Klaus Doldiger und Harold Faltermeyer erzählen, was für ein toller Bursche Christian Bruhn ist. Aber über Musik lässt man diese beiden international erfolgreichen Musiker praktisch nicht sprechen. Ralph Siegel erzählt darüber, wie wichtig es ist, die Nummer 1 in den Charts zu sein und spricht damit – wenig überraschend – vor allem über sich selbst und nicht über Christian Bruhn. Katja Ebstein darf zwei oder drei O-Töne abliefern, was für ein toller Bursche ihr Exmann ist. Aber wir hören von ihr kaum ein Wort darüber, wie dieser denn als Mensch oder als Ehemann so war. Oder was es damals bedeutete, einen dritten Platz beim Grand Prix de la Chanson zu erreichen.
 
Reich schafft es also nicht, international renommierte Musiker interessantes über Musik „erzählen“ zu lassen. Sie schafft es auch nicht, zwei von insgesamt fünf Ehefrauen Bruhns etwas Interessantes über den Mann und Menschen Bruhn „erzählen“ zu lassen (dass Bruhn zum fünften Mal verheiratet ist, wird im Film auch nicht erwähnt. Diese interessante Information liefern wir von cinepreview.de gerne, sozusagen als Dienst am Leser). Kurz darf einer von zwei Söhnen Bruhns einen Scherz über Bruhns „Grundumsatz an Frauen“ machen. Der zweite Sohn kommt nicht zu Wort. Mit solch nichtssagenden O-Tönen erfahren wir nichts über „eine ganze Seele“. Nicht einmal über eine halbe.
 
Seltsam ist Propheten Lied, …doppelt seltsam, was geschieht
 
Wir hören also nicht viel über den Künstler und Menschen, davon viel von ihm. Wir hören immer wieder seine Musik, aber meistens nur von Bruhn wie nebenbei am Klavier vorgetragen. Ganz selten sehen wir die alten, längst bekannten Clips zu den Hits von damals. Hat die Filmemacherin bei ihren Recherchen nie auch nur ein einziges Mal interessanteres Archivmaterial sichten können? Wäre es zu viel verlangt gewesen, eine selten gezeigte Aufnahme einer Probe zum Grand Prix 1970 zu sehen zu bekommen? Oder Bilder der ersten Gastarbeiter während der Zeit des Wirtschaftswunders? Solche Bilder hätten auch einen historischen Bezug schaffen können.
 
Reichs Film zeigt uns einen Zeitzeugen, einen Mann, der die populäre Kultur der alten Bundesrepublik mitgestaltet hat und zeigt uns rein gar nichts von dieser Zeit. Das Bild von Katja Ebstein im silbernen Mini steht doch ohne jeden Bezug ganz allein da, wenn dem Zuseher nicht vermittelt wird, wofür „Grand Prix“ im Jahr 1970 gestanden hat. Zu der Zeit gab es neben Fußballweltmeisterschaften und Papstwahlen keine anderen Großereignisse, die im Fernsehen eine ähnliche Reichweite gehabt hätten. Aber das kann der Film nicht vermitteln. Der Film vermittelt gar keine Informationen über diese Zeit, über diese komplett fremde Welt in der Bruhn gewirkt hat. Als Dokumentarfilm funktioniert „Meine Welt ist die Musik“ daher leider einfach nicht. Dazu hätte der Film etwas dokumentieren müssen.
 
 
Aber nicht nur inhaltlich, auch filmisch kann der Film leider nicht überzeugen. Die kaum bemerkenswerten Archivaufnahmen stören noch nicht zu sehr. Aber die Qualität des von Reich gedrehten Originalmaterials ist im besten Fall mittelmäßig. Einige Sequenzen sind kaum für die Vorführung in einem Kino geeignet. Selten hat man die Alpen rund um Innsbruck langweiliger und unspektakulärer ins Bild gesetzt gesehen. Die Toskana ist eine der schönsten Gegenden der Welt. Aber die dort aufgenommenen Szenen sind einfach nur furchtbar anzusehen. Die Frau, die seit vielen Jahren auf Urlaubsreisen immer auf dem Beifahrersitz meines Autos sitzt, filmt während solcher Fahrten gerne die Landschaft mit ihrem Handy. Jedes einzelne dieser Videos ist von besserer Qualität, als die italienischen Szenen in diesem Film.
 
Es ist immer wieder Christian Bruhn selbst, der den Film rettet. Bruhn, der amüsant zu plaudern weiß, erzählt die Entstehungsgeschichten einiger seiner größten Hits. Das ist für Fans natürlich toll. Für Uneingeweihte mag das aber nur bedingt interessant sein. Und selbst den Fans verlangt der Film einiges an Kenntnissen ab. Wer zum Beispiel nicht mehr genau weiß, worin sich die Anfangsszene der ersten Folge einer fast vierzig Jahre alten Fernsehserie damals von der Schlussszene der letzten Folge unterschieden hat, wird mit Bruhns minutenlangen Ausführungen dazu nicht viel anzufangen wissen.
 
Dabei hätten Bruhn und die anderen Interviewpartner sicher noch mehr und interessanteres zu erzählen gehabt. Es ist wieder vor allem Bruhn, der immer wieder wunderbare kleine Einsichten präsentiert. Aber wenn er mit feiner Ironie über die Partitur zu „Heidi“ sagt, „Da steht wenig drin, weil mehr hat’s nicht gebraucht.“ können oder wollen die Filmemacher inhaltlich nicht anknüpfen. Und wenn Bruhn über das Lied „Sonntag im Zoo“ meint, „Da hab ich mich was getraut. War prompt kein Erfolg.“ fragen die Filmemacher nicht, bei welchen Liedern Bruhn denn weniger Mut bewiesen hatte. Stattdessen lässt der Film diese altersweise Einsicht wieder mal allein für sich stehen und bleibt auch prompt wieder die Nennung des Interpreten schuldig (der junge Michael Schanze, gern geschehen). So verschenkt der Film diese und viele andere Gelegenheiten und bleibt daher viel zu weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.
 
 
Fazit
 
Regisseurin Marie Reich präsentiert uns einen Film über einen faszinierenden Musiker, der in einer interessanten Zeit großartige Musik geschaffen hat. Leider ist der Film weder faszinierend, noch interessant und damit kein bisschen großartig.
 
 
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Weitere Informationen

  • Kritik-Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Marie Reich
  • Drehbuch: Marie Reich
  • Stars: Christian Bruhn, Katja Ebstein