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Kleine Germanen

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Ein Dokumentarfilm über Kinder, die in rechtsextremen Familien aufwachsen?
 
Hochinteressant und auch noch brandaktuell! Leider hat das Thema die Macher von „Kleine Germanen“ offensichtlich überfordert ….
 
Die anderen sind immer die Bösen
 
Eine Dokumentation über Kinder aus rechtsextremen Familien zu drehen, ist sicher nicht einfach. Solche Kinder noch im Kindesalter zu interviewen ist aus vielerlei Gründen unmöglich. Erwachsene Kinder sind entweder Aussteiger, die sich aus verständlichen Gründen bedeckt halten wollen. Oder sie stehen selbst immer noch rechts. Solche Leute bieten sie sich selbstverständlich gerne als Interviewpartner an.
 
Daher kommen in diesem Film auch fast nur immer noch rechtsdenkende erwachsene Kinder zu Wort. Im Bild zu sehen sind bis auf eine Ausnahme nur solche Gesprächspartner. Götz Kubitschek, Geschäftsführer eines Kleinverlags für rechte Literatur und seine Frau Ellen Kositza, Publizistin der neuen Rechten, Sigrid Schüßler, ehemals NPD jetzt beim „Ring nationaler Frauen“ und ihre Kollegin Ricarda Riefling, sowie Martin Sellner von der „Identitären Bewegung Österreich“ dürfen uns von ihren wunderbaren Kindheiten berichten.
 
Wie alle rückwärtsgerichtet denkenden Menschen haben Rechte immer ganz wunderbare Kindheiten gehabt. Sie schwärmen von der Freiheit draußen zu spielen und bei der Geburt von Kälbchen dabei gewesen sein zu dürfen. Dabei haben sie von ihren Eltern immer alle Freiheiten gewährt bekommen, aber trotzdem Disziplin und Vaterlandstreue gelernt. Schade, dass sie während dieser prägenden Jahre niemals Respekt vor Menschen vermittelt bekommen haben die anders als sie selbst sind. Aber das mit den Kälbchen war sicher auch toll.
 
Während der Interviews mit diesen beneidenswerten Menschen haben die Regisseure Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh wohl nie versucht aus ihren Gesprächspartnern mehr als die ewiggleiche Leier von der glücklichen Kindheit und der bedrohten deutschen Leitkultur herauszuholen. Wenn Götz Kubitschek meint, „Vieles was wir tun, ist ja nicht erklärbar“ darf das einfach so stehenbleiben. Und wenn Sigrid Schüßler bei jedem noch so furchtbaren Gesprächsthema offensichtlich aus Unsicherheit laut auflachen muss, haken die Filmemacher nicht nach. So bleiben diese viel zu vielen und viel langen Statements der erwachsenen rechten Kinder furchtbar unergiebig.
 
 
Rassismus lebt von Angst
 
Auch wenn die Filmemacher die Rechtsdenkenden nicht auf ihre Aussagen ansprechen wollen, so hätte man doch die vielen aus dem Off zu hörenden Expertenkommentare inhaltlich daran anknüpfen lassen können. Das geschieht aber kaum. Wir hören nur wenig was wir nicht bereits oft genug in anderen Dokumentationen gehört oder in anderen Quellen gelesen haben. Dabei ist nicht nur die Qualität der Expertenaussagen von unterschiedlicher Qualität, sondern auch die Qualität der Experten selbst.
 
Bernd Wagner von „EXIT-Deutschland“, einem Verein der Aussteigern aus der rechten Szene hilft, spricht interessant und nachvollziehbar über Sozialdarwinismus und andere Phänomene. Wenn die Soziologin Prof. Dr. Michaela Kötting über die Bindung zu „männlichen Großvätern“ spricht, ist das schon nicht mehr ganz so erhellend. Den journalistischen und dokumentarischen Tiefpunkt bilden dann die Kommentare der „Stimme eines Kenners der rechtsextremen Szene der anonym bleiben will“, die im Insert tatsächlich so genannt wird. Die „Stimme eines Mitglieds der rechtsextremen Szene das anonym bleiben will“ oder wenigstens eine „Stimme eines ehemaligen Mitglieds der rechtsextremen Szene das anonym bleiben will“ konnten die Filmemacher wohl nicht auftreiben. Es hat nur zur „Stimme eines Kenners“ gereicht.
 
Mein Name war Elsa
 
Aber dieser Film scheitert nicht nur als Dokumentation. Er scheitert auch noch als Animations-Dokudrama. Es war vermutlich grundsätzlich keine kluge Idee, diesen Film, der besser in einer Länge von 45 Minuten im Fernsehen gezeigt worden wäre, mit der Zeichentrickversion der fiktiven Geschichte des Mädchens Elsa auf Kinofilmlänge zu strecken. Aber wenn man uns schon die Hälfte der Laufzeit des Films dieses mittelmäßig gestaltete Zeichentrickdrama vorsetzen will, das ohnehin offensichtlich erfunden ist, hätte man dafür doch wenigstens ein halbwegs brauchbares Drehbuch schreiben müssen.
 
Aber dieses animierte Drama ist ganz und gar furchtbar geschrieben. Von der Traumsequenz mit der jüdischen Ratte (die genauso aussieht, wie man sich eine „jüdische Ratte“ eben nicht vorstellen mag), über lächerliche Szenen wie aus einer Räuberpistole (wer bitte bietet denn Geld für die Namen von Neonazis? Die Polizei? Der Verfassungsschutz? Wie wir wissen, ermitteln die in solchen Fällen doch nicht mal so halbwegs.) bis zu lächerlichen Dialogzeilen wie „… dann hat er wieder Asylantenheime angezündet“ ist einfach alles am Zeichentrickteil des Films misslungen.
 
Sogar die Dramaturgie dieser Geschichte ist extrem lückenhaft. Und ist das nun die Geschichte des Mädchens Elsa oder die ihrer Tochter? Warum wird eine versuchte Entführung erwähnt, aber nie gezeigt? Und wozu wird über die Sozialversicherungsnummer gesprochen, wenn diese dann ohne Bedeutung bleibt? Und wieso hatten es die Filmemacher am Schluss der Geschichte plötzlich so eilig?
 
 
Fazit
 
An der Aufgabe, eine Dokumentation über ein so wichtiges Thema zu gestalten und diese mit einem Zeichentrickdrama zu kombinieren, wären bessere Filmemacher als Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh sicher auch gescheitert. Vielleicht zeigt Arte diesen Film ja mal im Rahmen eines Schwerpunkts mit dem Titel „Gut gemeint aber schlecht gemacht“ ….
 
 
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Mohammad Farokhmanesh
  • Drehbuch: Frank Geiger