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Alles über Martin Suter. Ausser die Wahrheit.

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Martin Suter ist einer der erfolgreichsten, lebenden Schriftsteller des ...
 
... deutschen Sprachraums. André Schäfer hat mit großem Aufwand einen Dokumentarfilm über Suter, sein Leben und seine Bücher gedreht.
 
Small World
 
Martin Suters Bücher sind regelmäßig auf den Bestsellerlisten zu finden. Viele davon wurden verfilmt. Auch Theaterstücke hat Suter bereits verfasst. Für den Musiker Stephan Eicher hat er Texte geschrieben und ist auch mit Eicher und Band aufgetreten. Suter hat den Deutschen Krimipreis und andere Auszeichnungen verliehen bekommen.
 
André Schäfer hat bisher einige Dutzend Dokumentarfilme gedreht. Sein Film über Willy Brandt wurde mit dem bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. „Schau mir in die Augen, Kleiner“ über schwul-lesbische Filme ist nicht nur für Filmfans interessant. Die Objekte seiner Dokumentationen waren Künstler wie James Dean, Rock Hudson und BillyWilder aber auch Autoren wie Agatha Christie und Ian Fleming.
 
Ich hatte mich darauf gefreut, Schäfers Film über Martin Suter sichten und darüber schreiben zu dürfen. Wenn ich über eine Dokumentation berichte, ist mir das Thema des Films meistens nicht ganz neu. Mit der Musik und dem Leben von Musikern wie Tina Turner oder Ronnie Wood war ich vertraut, bevor ich über die Filme über sie berichten durfte. Die Aktionskunst von Marina Abramović kannte ich bevor ich „Body of Truth“ besprechen sollte. Und Ingmar Bergmans Werk hatte ich als junger Mann ausgiebig studiert, Jahrzehnte bevor ich Margarethe von Trottas Film kritisieren musste.
 
Aber ich habe bisher noch nie ein Buch von Martin Suter gelesen. Ich lese nur selten Bücher, die auf Beststellerlisten auftauchen. Irgendwie hatte ich es geschafft, einen der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart bisher zu ignorieren. Ich hatte mich also auf das seltene Vergnügen gefreut, einen Dokumentarfilm über einen Künstler sehen zu dürfen, den ich vorher nicht gekannt hatte.
 
Leider kann ich nicht behaupten, daran hätte sich nach den anderthalb Stunden von Schäfers Film etwas geändert. Ich habe einen recht guten Eindruck von Suters Büchern vermittelt bekommen. Schäfer hat ganze Sequenzen einiger von Suters Büchen nachgedreht. Das wirkt manchmal sehr stilvoll, an einigen Stellen vielleicht weniger gelungen als an anderen und zeigt, Schäfer hat es sich nicht leicht gemacht.
 
 
Die Zeit, die Zeit
 
Schäfer betreibt einen beachtlichen Aufwand. Wir sehen Suter in Zürich und anderen Orten der Schweiz. Wir sehen ihn in Marrakesch. Wir bekommen Bilder von Suters Heim in Guatemala gezeigt. Wir sehen Suter am Meer, wir sehen ihn im Tresorraum einer Bank. Wir begleiten ihn sogar bei einem Besuch eines Hauses, in dem er wohl als Kind gewohnt hat. Wir sehen und hören einen Kinderchor ein Lied singen. Wir sehen Suter und Eicher die Grenze zur französischen Schweiz passieren.
 
Aber ergiebig ist das alles kaum. Im Keller des ehemaligen Wohnhauses erzählt Suter, als Kind Karl May gelesen zu haben. Gibt es viele männliche Angehörige Suters Generation, die als Knaben nicht Karl May gelesen haben? In Marrakesch spricht Suter davon, wie still es im Innenhof des Hauses im Vergleich zum hektischen Treiben auf den Straßen der Stadt ist und beschreibt damit bloß wie ein Riad, das für diese Region typische Haus mit Innenhof, eben funktioniert.
 
Überhaupt hören wir Suter viel sprechen, aber nur wenig sagen. Suter meint, dass man zum Schreiben viel Zeit braucht. Das sage ich dem Chefredakteur von cinedoku und cinepriew.de seit Jahren. Er spricht davon, die Figuren seiner Bücher in sich finden zu müssen. Wo sonst sollten diese Figuren zu finden sein? Als Suter über sein Arbeitspensum und die Möglichkeit einer Schreibblockade spricht, unterläuft ihm ein hochinteressanter Versprecher. Wörtlich sagt Suter: „Ich habe noch nie erlaubt, .., erlebt, dass da nichts steht.“
 
Nicht nur an dieser Stelle hätte Schäfer nachhaken können. Einmal meint Suter: „Ich finde nicht, dass Autoren (in ihren Büchern) eigene Schicksale und Probleme verarbeiten sollen.“ Warum denn nicht? Und ist das überhaupt möglich? Später erzählt Suter, ein Roman sei ihm misslungen. Aber wir erfahren nie, was dem Roman gefehlt hat oder wie Suter einen ganzen Roman geschrieben haben kann um erst nach Fertigstellung zu diesem Urteil zu kommen.
 
Nur selten stellt Schäfer Fragen. Wenn er Suter am Ende des Films fragt, ob er gerne an das Unmögliche glauben möchte, lässt er Suters Allgemeinplätze zu dem Thema den Abschluss bilden. Und wenn der nach wenigen Sätzen seine Ausführungen zum Glauben, mit „Ich beneide die Menschen die leichtgläubig sind“ abschließt, darf auch das einfach stehenbleiben. Man hätte noch fragen können, warum jemand, der mit Sprache sein Geld verdient, also durchaus bewusst formulieren können sollte, hier in wenigen Sätzen vom „Glauben“ zu „leichtgläubig“ kommt.
 
Schäfer ist offensichtlich ein Fan. „Fan“ kommt vom englischen „fanatic“. Fanatismus ist keine Grundlage für irgendeine Auseinandersetzung mit irgendeinem Thema. Dem „Fan“ fehlt es an jeglicher Distanz. Diese Distanz braucht es aber für die Auseinandersetzung, die in einem Dokumentarfilm idealerweise betrieben werden sollte. Und so habe ich Martin Suter durch André Schäfers Film nicht wirklich kennen gelernt. Wenn man etwas zu einem Thema erfahren möchte, sollte man keinen Fan fragen.
 
 
Fazit
 
Ein Film für alle Fans von Martin Suter. Wer bisher kein Fan war, wird durch diesen Film keiner werden.
 
Kinostart: 06.10.2022
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: André Schäfer
  • Drehbuch: André Schäfer
  • Besetzung: Martin Suter, Margrith Nay Suter