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Nawalny

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Die Machenschaften Wladimir Putins erinnern immer wieder an ...
 
... die übler Filmschurken. Da ist es kein Wunder wenn ein Dokumentarfilm über einen der bedeutendsten Putin-Kritiker viel von einem Hollywood-Thriller hat …
 
A boring movie of memory
 
Alexei Anatoljewitsch Nawalny war lange Zeit einer der populärsten Gegner Putins in Russland. Er prägte u.a. den in Russland weit verbreiteten Spottnamen „Partei der Gauner und Diebe“ für die langjährige Regierungspartei „Einiges Russland“. Am 20.August 2020, während eines Fluges von Tomsk in Sibirien nach Russland, erlitt Nawalny einen Zusammenbruch. Nach einer umgehend erfolgten Notlandung in Omsk wurde er beatmet und in ein künstliches Koma versetzt. Die behandelnden Ärzte in Omsk versicherten aber mehrmals, keine Anzeichen für eine Vergiftung festgestellt zu haben. Erst nach einer Verlegung Nawalnys nach Deutschland wurde zweifelsfrei eine Vergiftung mit Nowitschok diagnostiziert. Diese Diagnose wurde später von unabhängigen Laboren in Schweden und Frankreich bestätigt.
 
Daniel Roher erzählt in seinem Film die Geschichte von Nawalnys Vergiftung und deren anschließender Aufarbeitung durch Nawalnys Team. Man muss festhalten, dass sich Roher damit auf einen kleinen Teil einer sehr viel größeren Geschichte konzentriert. Rohers selbstgewählte Beschränkung zählt zu den wenigen echten Defiziten seines Films. Ein paar Hintergründe zu Nawalnys Aktivitäten vor dem Giftanschlag, aber auch Informationen zu den beschämend zurückhaltenden internationalen Reaktionen, hätten ein vollständigeres Bild vermittelt und den Film immens aufgewertet.
 
Filmfans, die mit dem Thema nur beiläufig vertraut sind, wird es nicht stören, wenn Nawalny völlig unkritisch als alleiniger Hoffnungsträger für Russland präsentiert und damit zum uneingeschränkten Helden dieses Films gemacht wird. Aber damit lässt es Roher an Respekt für die vielen anderen mutigen Kämpfer für Demokratie in Russland fehlen. Nawalnys nationalistische Positionen werden verschwiegen. Wenn er im Film für den Fall seiner Wahl zum Präsidenten nur Demokratie und Ende der Korruption in Aussicht stellt, sollte man wissen, dass selbst andere Putin-Gegner ihm schon seit langem vorwerfen, kaum jemals konkrete politische Pläne und Positionen zu formulieren.
 
Aber Roher hat sich nun mal auf den Giftanschlag, dessen Aufarbeitung und Nawalnys Rückkehr nach Russland beschränkt. Und unabhängig von seinen politischen Positionen ist Nawalny immer noch ein menschliches Wesen. Er hat sich kaum etwas Schlimmeres zu Schulden kommen lassen, als öffentlich gegen das herrschende Regime in seinem Heimatland einzutreten. Das sollte das Recht eines jeden Menschen überall auf der Welt sein. Aber bereits früh im Film sehen wir, wie offen Polizei und andere Agenten der Staatsgewalt Nawalny und ihm nahe stehende Menschen immer wieder körperlich angreifen und auch auf jede andere Art und Weise schikanieren.
 
 
What the fuck! That is so stupid!
 
Es sind diese Bilder von politischer Gewalt, auf die man als Betrachter immer wieder nur fassungslos reagieren kann. Wenn Roher verschiedenes Bildmaterial dieser Schikanen zur Verfügung stand, mag man sich gar nicht vorstellen, wie viele Vorfälle nicht gefilmt wurden. Mit morbider Faszination muss man das Fehlen jeglichen Bewusstseins für das Unrecht ihres Handelns bei Putins Schergen feststellen. Eine Szene in der sich ein Arzt der Omsker Klinik vor laufender Kamera bei Nawalnys Frau beschwert, bisher keinerlei Wort des Dankes gehört zu haben, wäre lustig wenn sie nicht so traurig wäre.
 
Dieses fehlende Unrechtsbewusstsein und die offensichtliche Arroganz von Nawalnys Gegnern tragen immer wieder zu einigen der besten Momente von Rohers Film bei. Wenn Nawalny und seine Mitarbeiter die Beteiligten an den Anschlag recht schnell ausfindig machen können, hat das schon viel von einem Hollywoodfilm. Wenn einer der Wissenschaftler wie ein unbedarftes Phishing-Opfer am Telefon Rede und Antwort steht, vergisst man beinahe, einen Dokumentarfilm zu sehen.
 
Leider wirkt auch Nawalnys Gegner wie ein Schurke in einem Hollywoodfilm. Wenn Putin während einer Pressekonferenz immer wieder vermeidet, Nawalnys Namen auszusprechen, erinnert das an jeden aalglatten Antagonisten in jedem Polit-Drama, das wir je gesehen haben. Tatsächlich kann sich ja kein Filmfan wünschen, dass Kevin Spacey je wieder einen Job in Hollywood bekommt. Aber sollte jemals Putins Lebensgeschichte verfilmt werden, … naja, lassen wir das lieber.
 
In seinem letzten Drittel lässt uns „Nawalny“ komplett vergessen, dass wir gar keinen Thriller sondern einen Dokumentarfilm sehen. Natürlich wusste ich, was Alexei Nawalny nach seiner Rückkehr nach Russland erwarten würde. Aber diesen gelassenen Mann und seine Familie bei ihren Reisevorbereitungen zu sehen, zu sehen wie der Flug wegen der vielen Nawalny-Anhänger am Zielflughafen in letzter Minute umgeleitet wird und welch grausame Farce sich dann nach der Landung abspielen sollte, wirkt spannender als viele Thriller.
 
Gegen Ende des Films macht sich Roher wieder einiger Auslassungen schuldig. Nawalnys Haftstrafe wird erwähnt und er selbst sogar kurz im Gefängnis gezeigt. Aber es fehlen Informationen zu den Haftbedingungen. Exemplarisch hier nur zwei schockierende Punkte: pro Jahr darf Nawalny nur vier Pakete und nur sechs Besuche empfangen. Das bedeutet, wenn Nawalny zum Beispiel einmal seine Tochter sehen möchte, muss er auf den nächsten Besuch seiner Frau eben vier statt bloß zwei Monate warten. Dostojewski, ein weiterer mutiger Russe, meinte einmal „Den Grad der Zivilisation einer Gesellschaft kann man am Zustand ihrer Gefangenen ablesen.“. Wenn das zutrifft, dann sollte man von der russischen Gesellschaft vielleicht nicht mehr viel erwarten.
 
 
Fazit
 
Gerade durch die aktuelle politische Lage ein wichtiger Film. Auffallend ist, wie spannend die Dokumentation gemacht ist. Einige Auslassungen trüben das ansonsten großartige Gesamtbild.
 
Kinostart: 05.05.2022
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Daniel Roher
  • Drehbuch: Daniel Roher
  • Besetzung: Alexei Anatoljewitsch Nawalny